Die Krise

Zeitsprung! … was 10 Jahre früher geschah…kannst Du hier nachlesen.
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Als ich glaubte, es könnte gar nicht besser für mich laufen, ging alles ganz schnell.

Wir befanden uns gerade mit Robert in unserer WG in einem Meeting und brainstormten, wie sich das für Berliner Start-Ups gehörte, als mein Handy klingelte. Die unbekannte Nummer auf dem Display war mir schon lange nicht mehr unbekannt. Allerdings war ich mir nicht sicher, wer sich am anderen Ende der Leitung verbarg. Ich wollte es auch nicht herausfinden. Ich hasse unbekannte Nummern! Ich rufe doch auch keine wildfremden Leute an! Jedenfalls spürte ich, dass sich dunkle Wolken am Horizont zusammenbrauten. Es war ungefähr das Gefühl, das man hat, wenn man ohne Fahrschein in der Tram sitzt und die Kontrolleure zusteigen: Klar, ich weiß von Anfang an, dass ich keinen Fahrschein habe. Doch erst mal tue ich so, als würde ich nach meinem Fahrschein suchen, genauso wie die ganzen anderen Idioten ohne Fahrschein es tun, weil sie irgendwie darauf hoffen, es würde ein Wunder geschehen und die Aufmerksamkeit woanders hinlenken. So ähnlich verhielt es sich mit dieser unbekannten Nummer auch.

„Willst du nicht rangehen?“, fragte Daniel.

„Nee, ich ruf später zurück.“

„Geh doch ruhig ran, wir haben Zeit“, sagte Olli.

Vielleicht war das ein Omen. So etwas soll‘s ja geben. Ich verließ also leicht angesäuert den Raum und ging vorsichtig ran.

„Ja, hallooo?“ sagte ich in den Hörer.

„Guten Tag, Herr Frost. Hier ist Miriam Punz von der Firma Itelscore.“

Eine süße Stimme hatte Sie schon mal.

„Sie haben bisher auf keinen unserer Briefe reagiert. Ich rufe sie an, um Ihnen mitzuteilen dass sie noch zwei Wochen haben, um ihren Studienkredit zurückzuzahlen, bevor wir weitere rechtliche Schritte gegen sie einleiten.“

Wow. Das fühlte sich an, als hätte dich deine Traumfrau beim ersten Date über den monströsen Leberfleck auf deiner Backe aufgeklärt.

„Ähh, wie bitte? Auf einmal? Ich zahl’ doch in Raten. Wie viel ist das denn?“, stotterte ich.

„Im Moment sind wir bei einem ausstehenden Betrag von knapp 12.000 Euro.“ Ich schluckte. „Nach Ende Ihres Studiums wurde die Rate wie vereinbart erhöht, doch Sie sind Ihrer Zahlungsverpflichtung bisher nicht nachgekommen.“

Fuck.

„Heißt das, ich hab jetzt einen Schufa-Eintrag oder sowas?“, fragte ich zögerlich. „Ja, einen negativen.“

Plötzlich wurde mir klar, dass die zuckersüße Stimme am anderen Ende der Leitung nur als Tarnung für ein Monster fungierte, welches gekommen war, um mir mit voller Wucht einer Abrissbirne in die Eier zu treten. Als ich zurück in das Meeting kehrte, muss ich einen erbärmlichen Eindruck gemacht haben. Ich fühlte mich wie Falschgeld; wie ein Astronaut im Boot. Der Kummer schien mir in fett gedruckter Schrift vom untalentiertesten Knasttätowierer der Welt auf die Stirn tätowiert worden zu sein.

„Was ist denn los?“, fragte Robert.

Nachdem ich erzählt hatte, was passiert war, erfüllte uns eine kollektive Trauer. Keiner wusste so recht, was er sagen sollte. Deshalb war ich froh, als Robert sich verabschiedete, um zurück nach Feldberg zu fahren. Auch Olli machte sich kurze Zeit später auf den Weg zu seiner Freundin, seinem Schnuffel. Alleine war ich dennoch nicht. Den Abend verbrachten Daniel und ich damit, uns anzuschweigen und quasi wortlos zu betrinken.

„Den Kredit können wir jetzt vergessen, oder?“, fragte ich Daniel.

„Mhh. Die Finanzplanung ist für drei konzipiert. Wir müssen mit Herrn Wuali sprechen“, sagte er.

Lange Rede, kurzer Sinn – als wir am Tag darauf zu unserem Businesscoach Herrn Wuali gingen und ihm erzählten, was passiert war, schaute der uns an, als hätten wir Vertretern der Tea-Party-Bewegung intime Urlaubsfotos unserer iranischen Freunde präsentiert. Schließlich waren es nur noch zwei Wochen bis zur geplanten Kreditaufnahme! Es gab nun drei Möglichkeiten. Entweder sorgten wir für die Löschung des Schufa-Eintrages, wir schnitten den Finanzplan auf zwei Gesellschafter zu (was bedeutete, dass ich künftig auf Rechnung arbeiten müsste) oder wir verzichteten komplett auf den Kredit.

Beim darauffolgenden Gespräch mit Olli beschlossen wir, dass ich vor der Kreditaufnahme offiziell aus der Firma austrete. Als wären wir zu dritt mit einem riesigen Fallschirm aus dem Flugzeug gesprungen und hätten während des Fluges bemerkt, dass ich der Fettsack bin, der für das Übergewicht verantwortlich ist: Wir waren am Boden zerstört. Am nächsten Tag wachte ich mit Neurodermitis am ganzen Körper auf. Meine Haut brannte wie die Hölle und auch die nächsten Wochen brachten keine Besserung. Nicht nur, dass ich aussah wie ein schlecht gelaunter Streuselkuchen mit Juckreiz – die nächste Hiobsbotschaft ließ auch nicht lange auf sich warten.

Nach einem Streit mit Daniel stieg auch Olli aus der Firma aus. Bye bye, Kredit. Zwar trennten wir uns im gegenseitigen Einverständnis und waren auch gewillt, die Freundschaft zu erhalten, doch immerhin hieß das für Daniel und mich ein Drittel mehr Arbeit; mehr noch für mich. Denn neben der Firma kümmerte ich mich um mein DJ-Projekt und hatte ständig Gigs, die ich um jeden Preis absolvieren wollte. Die Firma verlangte von mir hundertprozentigen Einsatz, die Musik brauchte seine Zeit und die Schulden, die ich seit meiner Studienzeit angehäuft hatte, manifestierten sich in Form von dutzenden ungeöffneten Briefen auf meinem Schreibtisch. Ich wusste mir nicht mehr zu helfen. Einen solchen Druck habe ich in meinem bisherigen Leben noch nicht gekannt. Ich verfiel in eine Bewegungsstarre, wie paralysiert. Mein Körper ließ mich spüren, dass etwas mit mir nicht stimmte. Ich bekam bald golfballgroße, eitrige Auswüchse an Kopf und Bein und konnte kaum einen klaren Gedanken fassen.

Als ich mit meinen Beschwerden zum Arzt ging, stellte dieser fest, das ich seit meiner Studienzeit nicht mehr ordnungsgemäß versichert war und die Kosten für meine Behandlung selbst tragen müsste. Wenn selbst der Arzt dir in der Not den Mittelfinger zeigt… Ich kam mir vor wie das ärmste Würstchen der Welt, das einsam im kalten Wurstwasser herumbaumelte. Es schien ausweglos. Ich verbrachte die Abende damit, mich regelmäßig zuzudröhnen, um möglichst nicht über meine Situation nachdenken zu müssen.

Da wir in Arbeit erstickten, mühte sich Daniel, Abhilfe zu finden und bald darauf kam einmal in der Woche Bia zur Unterstützung. Sie arbeitete mittlerweile für Ableton und managete nebenher ein Center für Künstleraufbau in Kreuzberg. Nun war sie auf der Suche nach einem neuen Wirkungsbereich. Auch wenn sie uns Arbeit abnahm, erhöhte dies noch einmal den Druck auf mich, da nun ein „Fremder“ uns bei der Arbeit zusah. Da mochte man sich natürlich von der besten Seite zeigen – gar nicht so einfach mit einem riesigen Eiterpickel in der Fresse.

Eines Abends, es muss im Mai 2012 gewesen sein, heulte ich mich während eines Gesprächs mit Robert am Telefon aus. Die Krise verfolgte mich nun schon seit vier Monaten und war dabei, sich zur handfesten Persönlichkeitsstörung zu entwickeln.

„Alter, du musst einfach mal raus aus eurer Bude! Mach’ mal ein bisschen Urlaub. Komm’ zu mir. Kannst in der Ferienwohnung pennen“, sagte Robert.

Da mir ohnehin nichts besseres einfiel, klärte ich alles mit Daniel ab und fuhr eine Woche später in meine Heimat Feldberg zurück…

TO BE CONTINUED…

Wie es weiterging? …Kannst Du hier nachlesen. 

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Das Dorf

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Die Stille ist eine von wenigen Sachen, die mich wahnsinnig machen können. Als lütter Dorpjung hat man es da nicht einfach. Schon viel früher hätte ich also ahnen müssen, dass hier etwas nicht stimmte. Einen Scheiß ahnte ich. Erst als mir durch kompletten Zufall auffiel, dass kein Mensch in meiner Familie die gleiche Blutgruppe wie ich besaß, wurde ich ein bisschen stutzig.  Stutzig? Ja! Come on, ich war 14 und hatte keine Ahnung, was Phase war.

Da erschienen ganz andere Dinge wichtig. Ein cooles Mofa zum Beispiel. Noch besser ein Auto. Oder das nächste Spiel zu gewinnen und in der Kreisliga einen Platz in der Tabelle aufzusteigen, damit man eines Tages sein eigenes Bild in eines dieser Fussballstickersammelheftchen kleben konnte, die ich so fleißig anhäufte.

Ich wusste jedenfalls ziemlich genau, wie es für mich weitergehen sollte: Abi machen, nebenbei ein bisschen Geld für das Auto ansparen und ­– falls beim Fussball nicht der erhoffte Durchbruch kommt ­– vielleicht zur Bundeswehr. Denn die Jungs dort hatten meist Kohle, ein Auto mit Sportfahrwerk und eine Freundin auf dem Beifahrersitz – Alles Dinge, die ich nicht hatte: Grund genug, etwas daran zu ändern! Ein Nebenjob musste her. Das machte mir auch nicht viel aus, im Gegenteil. Ich war sogar froh darüber. Immerhin wäre ich damit einer der ersten Berufstätigen meiner Stufe!

Als ich mich bei der Dorfeisdiele um einen Ferienjob bewarb, sagte Mutti nur „wenn du das machen willst, dann mach’!“.  Wollte ich! Wer findet Eis nicht cool? Das Wort „Eiskoch“ klang interessant; ein bisschen, so wie „Doppelhaushälfte“ und „Wahlpflichtfach“ interessant klangen. Außerdem rückte der Traum vom eigenen Auto in greifbarere Nähe.

Vor unserer Eisdiele sieht man immer die gleichen Leute. Außer im Sommer, wenn die Touristen aus den Städten kriechen, um in unserem Dorf Urlaub zu machen. Ich konnte das nie verstehen. Bei uns war nie was los! Nur dunkle Wälder, Seen und Langeweile… da würde ich doch eher in der Stadt bleiben. Oder zum Meer fahren. Da gibt’s wenigstens richtige Wellen.

Naja, ich wusste jedenfalls, was auf mich zukommen würde. Am ersten Ferientag ging ich pünktlich um 13:00 Uhr zu meiner ersten Schicht. Mein zukünftiger Chef winkte mir schon von weitem. Er war wohl Mitte 40, saß bei einem Glas Wein zigarillorauchend in der Sonne vor seinem Café und mühte sich, italienisch anzumuten. Am deutlichsten ist mir sein schmales Oberlippenbärtchen in Erinnerung geblieben, das akkurat rasiert sein Gesicht umspielte und ihn aussehen ließ wie einen Handlanger aus einem billigen Mafiafilm.

Hinter ihm wand sich eine Schlange aus ungefähr 20 Personen, die mit hungrigen Augen die Eistheke beäugten. Dahinter standen zwei einheimische Mädchen, die versuchten, den Ansturm an Rollatorfahrern so gut es ging zu bewältigen. Mein Chef Frank führte mich voller Stolz durch seinen Laden, den ich seit meiner frühesten Kindheit gekannt hatte. Ich war ziemlich nervös und kommentierte jeden Satz mit einer lobenden Bemerkung, wobei mir meine Stimme auf einmal furchtbar hoch vorkam und ich zu stottern begann. Doch das war egal. „Francesco“ hörte mir sowieso nicht zu, sondern schnappte sich in gönnerhafter Manier eine Eiswanne aus der Theke.

„…und in die kommt unser Eis dann rein“, ergänzte er.

„Das ist ja toll! W…w…wow!“, sagte ich.

Er führte mich in die Küche, wo ein Typ mit Haarnetz und überdimensionalem Mundschutz Eimer durch die Gegend schleuderte und ein Gesicht zog, als hätte man Mark Zuckerberg eine Google+-Einladung geschickt.

„Robert!,“ rief Francesco.

„Das ist René. Er arbeitet jetzt für mich! Zeig ihm mal, wie das geht.“

Robert würdigte mich keines Blickes, drehte sich um und antwortete mit einem bestätigenden Grunzlaut. Kaum war der Chef wieder verschwunden, zog Robert den Mundschutz herunter und musterte mich gründlich. Überraschenderweise verbarg sich darunter ein langer Bart der mit einem gelben Gummiband fixiert war.

„Du bist also der nächste“, sagte er.

„Ja“, antwortete ich.

„Wasch’ die Eisbecher ab.“

„Ok.“

Robert schien nicht der netteste Mitarbeiter zu sein. Er war ein paar Jahre älter als ich und unterschied sich mit seinen Baggies, dem Bart und den langen Haaren auffällig vom durchschnittlichen Dorfbewohner.
Im Zweiminutentakt wurde Roberts Arbeit durch seine cholerischen Wutausbrüche unterbrochen, die er mit ausgewählten Worten aus seinem Schimpfwortfundus untermalte.
Ich entschied mich dazu, nichts zu sagen und still seine Anweisungen zu befolgen. Plötzlich war ich mir gar nicht mehr so sicher, was mit dem nächsten gemeint war. Ich wusste nicht mehr, ob ich das sein wollte.
In mir keimte langsam die Befürchtung auf, dass mir die schlimmsten sechs Wochen meines Lebens bevorstünden.

Ganz so schlimm kam es glücklicherweise nicht. Am nächsten Tag übernahm ich die Frühschicht und Robert war zu meiner Freude um ein Vielfaches besser gelaunt. Die cholerischen Anfälle wegen falsch aufgespießter Cocktailkirschen, daneben gekleckerter Flüssigkeiten und anderer schwerwiegenden Tragödien blieben zwar nicht aus, doch er schien mit meiner Arbeit zufrieden zu sein. Immerhin wurde der Befehlston vom Vortag nun durch ein angenehmes „Bitte“ ergänzt. Eine richtige Unterhaltung konnte man das noch nicht nennen, doch das sollte sich schlagartig ändern, als kurz vor 12 der Chef durch die Küchentür trat.
Er streichelte mit schelmischem Blick den Zeigefinger über sein Bärtchen und huschte in den hinteren Teil der Küche.

„Jungs! Kommt ma’ her!“, sagte er in verschwörerischem Flüsterton.

„Ich will euch was zeigen.“

Wir folgten ihm in die dunkle Küchenecke. Er wartete noch einen kurzen Moment, bis er sich unserer vollen Aufmerksamkeit sicher war. Dann baute er sich vor uns auf und öffnete, mit dem untersten Knopf beginnend, sein Hemd.
Wieder schossen mir Roberts Worte von dem nächsten durch den Kopf und ich nutzte, die Zeit, um im Kopf meine Handlungsoptionen durchzuspielen. Noch bevor ich mich zu etwas entscheiden konnte, füllte ein wohlgenährter, behaarter Bauch mein Blickfeld. Doch das war nicht alles.

„Hier, guckt mal!“

Seine rosaroten Brustwarzen waren mit einem Metallstäbchen durchlöchert und durch eine silberne Kette miteinander verbunden.

„Cocktailkirschen“, schoss es mir durch den Kopf.

Sichtlich unsere schockierte Reaktion genießend, knöpfte er das Hemd wieder zu und verließ lachend die Küche. Nachdem wir uns 20 Sekunden lang entsetzt angesehen hatten, prusteten wir los.

„Vielleicht werden die Ferien doch gar nicht so übel“, dachte ich, denn die restliche Stunde verbrachten wir damit, uns über das Nippelpiercing unseres Chefs zu lustig zu machen.

„Soll ich dich morgen zur Arbeit mitnehmen?“, fragte Robert.

„Klar“, sagte ich.

In den folgenden Tagen holte mich Robert so gut wie immer ab. Er führ einen heruntergekommenen roten Ford Caddy, in dessen Innenraum sich so viele Pfandflaschen befanden, dass man bei einem Unfall im See hundertpro nicht sinken würde. Wir verstanden uns super. Auch wenn er mich bei der Arbeit manchmal stundenlang mit „Thorsten“ ansprach und sich über meine Fußball-/Bundeswehr- und Autopläne kaputtlachte.

„Sportfahrwerk? Hier ist doch überall Kopfsteinpflaster!“

Er ahmte grinsend die holpernde Bewegung der Sportfahrwerkfahrer nach. Ich beschloss, über das Sportwagenfahrwerk noch einmal nachzudenken…

TO BE CONTINUED…

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