Das Dorf

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Die Stille ist eine von wenigen Sachen, die mich wahnsinnig machen können. Als lütter Dorpjung hat man es da nicht einfach. Schon viel früher hätte ich also ahnen müssen, dass hier etwas nicht stimmte. Einen Scheiß ahnte ich. Erst als mir durch kompletten Zufall auffiel, dass kein Mensch in meiner Familie die gleiche Blutgruppe wie ich besaß, wurde ich ein bisschen stutzig.  Stutzig? Ja! Come on, ich war 14 und hatte keine Ahnung, was Phase war.

Da erschienen ganz andere Dinge wichtig. Ein cooles Mofa zum Beispiel. Noch besser ein Auto. Oder das nächste Spiel zu gewinnen und in der Kreisliga einen Platz in der Tabelle aufzusteigen, damit man eines Tages sein eigenes Bild in eines dieser Fussballstickersammelheftchen kleben konnte, die ich so fleißig anhäufte.

Ich wusste jedenfalls ziemlich genau, wie es für mich weitergehen sollte: Abi machen, nebenbei ein bisschen Geld für das Auto ansparen und ­– falls beim Fussball nicht der erhoffte Durchbruch kommt ­– vielleicht zur Bundeswehr. Denn die Jungs dort hatten meist Kohle, ein Auto mit Sportfahrwerk und eine Freundin auf dem Beifahrersitz – Alles Dinge, die ich nicht hatte: Grund genug, etwas daran zu ändern! Ein Nebenjob musste her. Das machte mir auch nicht viel aus, im Gegenteil. Ich war sogar froh darüber. Immerhin wäre ich damit einer der ersten Berufstätigen meiner Stufe!

Als ich mich bei der Dorfeisdiele um einen Ferienjob bewarb, sagte Mutti nur „wenn du das machen willst, dann mach’!“.  Wollte ich! Wer findet Eis nicht cool? Das Wort „Eiskoch“ klang interessant; ein bisschen, so wie „Doppelhaushälfte“ und „Wahlpflichtfach“ interessant klangen. Außerdem rückte der Traum vom eigenen Auto in greifbarere Nähe.

Vor unserer Eisdiele sieht man immer die gleichen Leute. Außer im Sommer, wenn die Touristen aus den Städten kriechen, um in unserem Dorf Urlaub zu machen. Ich konnte das nie verstehen. Bei uns war nie was los! Nur dunkle Wälder, Seen und Langeweile… da würde ich doch eher in der Stadt bleiben. Oder zum Meer fahren. Da gibt’s wenigstens richtige Wellen.

Naja, ich wusste jedenfalls, was auf mich zukommen würde. Am ersten Ferientag ging ich pünktlich um 13:00 Uhr zu meiner ersten Schicht. Mein zukünftiger Chef winkte mir schon von weitem. Er war wohl Mitte 40, saß bei einem Glas Wein zigarillorauchend in der Sonne vor seinem Café und mühte sich, italienisch anzumuten. Am deutlichsten ist mir sein schmales Oberlippenbärtchen in Erinnerung geblieben, das akkurat rasiert sein Gesicht umspielte und ihn aussehen ließ wie einen Handlanger aus einem billigen Mafiafilm.

Hinter ihm wand sich eine Schlange aus ungefähr 20 Personen, die mit hungrigen Augen die Eistheke beäugten. Dahinter standen zwei einheimische Mädchen, die versuchten, den Ansturm an Rollatorfahrern so gut es ging zu bewältigen. Mein Chef Frank führte mich voller Stolz durch seinen Laden, den ich seit meiner frühesten Kindheit gekannt hatte. Ich war ziemlich nervös und kommentierte jeden Satz mit einer lobenden Bemerkung, wobei mir meine Stimme auf einmal furchtbar hoch vorkam und ich zu stottern begann. Doch das war egal. „Francesco“ hörte mir sowieso nicht zu, sondern schnappte sich in gönnerhafter Manier eine Eiswanne aus der Theke.

„…und in die kommt unser Eis dann rein“, ergänzte er.

„Das ist ja toll! W…w…wow!“, sagte ich.

Er führte mich in die Küche, wo ein Typ mit Haarnetz und überdimensionalem Mundschutz Eimer durch die Gegend schleuderte und ein Gesicht zog, als hätte man Mark Zuckerberg eine Google+-Einladung geschickt.

„Robert!,“ rief Francesco.

„Das ist René. Er arbeitet jetzt für mich! Zeig ihm mal, wie das geht.“

Robert würdigte mich keines Blickes, drehte sich um und antwortete mit einem bestätigenden Grunzlaut. Kaum war der Chef wieder verschwunden, zog Robert den Mundschutz herunter und musterte mich gründlich. Überraschenderweise verbarg sich darunter ein langer Bart der mit einem gelben Gummiband fixiert war.

„Du bist also der nächste“, sagte er.

„Ja“, antwortete ich.

„Wasch’ die Eisbecher ab.“

„Ok.“

Robert schien nicht der netteste Mitarbeiter zu sein. Er war ein paar Jahre älter als ich und unterschied sich mit seinen Baggies, dem Bart und den langen Haaren auffällig vom durchschnittlichen Dorfbewohner.
Im Zweiminutentakt wurde Roberts Arbeit durch seine cholerischen Wutausbrüche unterbrochen, die er mit ausgewählten Worten aus seinem Schimpfwortfundus untermalte.
Ich entschied mich dazu, nichts zu sagen und still seine Anweisungen zu befolgen. Plötzlich war ich mir gar nicht mehr so sicher, was mit dem nächsten gemeint war. Ich wusste nicht mehr, ob ich das sein wollte.
In mir keimte langsam die Befürchtung auf, dass mir die schlimmsten sechs Wochen meines Lebens bevorstünden.

Ganz so schlimm kam es glücklicherweise nicht. Am nächsten Tag übernahm ich die Frühschicht und Robert war zu meiner Freude um ein Vielfaches besser gelaunt. Die cholerischen Anfälle wegen falsch aufgespießter Cocktailkirschen, daneben gekleckerter Flüssigkeiten und anderer schwerwiegenden Tragödien blieben zwar nicht aus, doch er schien mit meiner Arbeit zufrieden zu sein. Immerhin wurde der Befehlston vom Vortag nun durch ein angenehmes „Bitte“ ergänzt. Eine richtige Unterhaltung konnte man das noch nicht nennen, doch das sollte sich schlagartig ändern, als kurz vor 12 der Chef durch die Küchentür trat.
Er streichelte mit schelmischem Blick den Zeigefinger über sein Bärtchen und huschte in den hinteren Teil der Küche.

„Jungs! Kommt ma’ her!“, sagte er in verschwörerischem Flüsterton.

„Ich will euch was zeigen.“

Wir folgten ihm in die dunkle Küchenecke. Er wartete noch einen kurzen Moment, bis er sich unserer vollen Aufmerksamkeit sicher war. Dann baute er sich vor uns auf und öffnete, mit dem untersten Knopf beginnend, sein Hemd.
Wieder schossen mir Roberts Worte von dem nächsten durch den Kopf und ich nutzte, die Zeit, um im Kopf meine Handlungsoptionen durchzuspielen. Noch bevor ich mich zu etwas entscheiden konnte, füllte ein wohlgenährter, behaarter Bauch mein Blickfeld. Doch das war nicht alles.

„Hier, guckt mal!“

Seine rosaroten Brustwarzen waren mit einem Metallstäbchen durchlöchert und durch eine silberne Kette miteinander verbunden.

„Cocktailkirschen“, schoss es mir durch den Kopf.

Sichtlich unsere schockierte Reaktion genießend, knöpfte er das Hemd wieder zu und verließ lachend die Küche. Nachdem wir uns 20 Sekunden lang entsetzt angesehen hatten, prusteten wir los.

„Vielleicht werden die Ferien doch gar nicht so übel“, dachte ich, denn die restliche Stunde verbrachten wir damit, uns über das Nippelpiercing unseres Chefs zu lustig zu machen.

„Soll ich dich morgen zur Arbeit mitnehmen?“, fragte Robert.

„Klar“, sagte ich.

In den folgenden Tagen holte mich Robert so gut wie immer ab. Er führ einen heruntergekommenen roten Ford Caddy, in dessen Innenraum sich so viele Pfandflaschen befanden, dass man bei einem Unfall im See hundertpro nicht sinken würde. Wir verstanden uns super. Auch wenn er mich bei der Arbeit manchmal stundenlang mit „Thorsten“ ansprach und sich über meine Fußball-/Bundeswehr- und Autopläne kaputtlachte.

„Sportfahrwerk? Hier ist doch überall Kopfsteinpflaster!“

Er ahmte grinsend die holpernde Bewegung der Sportfahrwerkfahrer nach. Ich beschloss, über das Sportwagenfahrwerk noch einmal nachzudenken…

TO BE CONTINUED…

Zeitsprung! … was 10 Jahre später geschah…kannst Du hier nachlesen. 

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