Erkenntnis (Teil 2)

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Eine Fahrt ins Blaue! Es war, als hätte man mich mitten auf dem Atlantik ohne Kompass auf einer aufblasbaren Gummiluftmatratze ausgesetzt.
Und Coco verkörperte den Wind und die Gezeiten, die fortan mein Ziel bestimmen würden. Ich hatte völlig die Kontrolle über die Situation verloren.

Ich war hilflos, doch es war eine angenehme Art von Hilflosigkeit – die Art, bei der man sich freimacht von allen Alltagssorgen und sich vollkommen fallenlässt.
Eine Entführung! Ein bisschen kamen wir uns vor wie Mallory & Mickey in Natural Born Killers: nur mit Seifenblasenpistolen.

Als wir das Ortsschild von Hamburg passierten, dachte ich, wir hätten unser Ziel erreicht. Noch ahnte ich nicht, wie sehr ich ich mich täuschte.

“Wir sind gleich da. Ich muss kurz meiner Schwester Bescheid sagen. Gibst Du mir mal das Handy aus meiner Tasche?”, fragte Coco.

Cocos Schwester? Familie? Jetzt? Darauf war ich nicht gefasst! Ein romantisches Candlelight-Dinner auf dem heiligen Grün des HSV hätte mich weniger überrascht.

Mit einem ungeheuer dämlichen Gesichtsausdruck glubschte ich Coco an, während mein Kopf an einer schlagfertigen und intelligenten Äußerung arbeitete.
Da mir auf die Schnelle nichts besseres einfiel, griff ich in den Fußraum und fing an, in der Tasche nach dem Handy zu kramen.

“Hast du’s?”

“Noch nicht”, erwiderte ich schmunzelnd.

Frauenhandtaschen werden für mich auf Ewig ein Mysterium bleiben! Ich meine: Wie viel Lebenszeit geht wohl für die Suche in der Tasche drauf? Eine Stunde
pro Tag? Realistisch, oder? Und: Ist das auch ein internationales Phänomen? Kramen die Frauen weltweit in ihren Taschen? Das würde mich mal interessieren!

“Ach, lass. Wir sind ja gleich da. Keine Angst, wir bleiben nicht lange. Wir haben noch einen langen Weg vor uns!”, lachte Coco.

In diesem Moment fiel mir ein großer Stein vom Herzen. Ich weiß auch nicht, warum mich der Gedanke an Cocos Familie so aus der Ruhe brachte.
Coco war mein Schwarm – doch so gut kannte ich sie nun auch nicht. Das Familie-Kennenlernen hatte für mich einen leisen Hauch von Verpflichtung.
Und der passte mir in diesem Moment überhaupt nicht!

“Wir leben in Zeiten der Unverbindlichkeit”, dachte ich. Männer tun sich damit sowieso seit jeher schwer und unsere Generation im Speziellen.

“Jederzeit kündbar.”

“Ohne Mindestlaufzeit.”

“14-Tage-Rückgaberecht.”

Das sind die Slogans, die neben “billig”, “günstig” und Konsorten unser Werteverständnis geprägt haben. Naja, meistens macht man sich dann doch mehr
Gedanken als nötig, oder?

Cocos Schwester wohnte mit Ihrem zukünftigen Mann in einer bilderbuchmäßigen Familiengegend: Gardinen, Vorgärten, Carports und Gartenzwerge
bestimmten das Stadtbild dieser Siedlung. Der Anblick eines autowaschenden Rentners mit 3/4-Hose verursachte ein schmerzhaftes Stechen in meiner
Schläfengegend und erinnerte mich an eine Frage, die mich seit langer Zeit beschäftigt hatte:

Ist dir schon mal aufgefallen, dass an der Grenze, wo in der Regel auch das Rotlichtbusiness aktiv ist, immer massenhaft Gartenzwerge verkauft werden?

Erstens: Warum ist das so?

Zweitens: Sollte man sich als Frau Gedanken machen, wenn der Mann anfängt, Gartenzwerge in den Vorgarten zu stellen?

Als wir vor einem backsteinernen Mehrfamilienhaus hielten, hatten wir unser Ziel erreicht. Kaum hatte Coco die Klingel gedrückt, hörte ich auch schon
aufgeregtes Gekreische aus dem Inneren. Eine Tür wurde aufgeschlagen, schnelle Schritte waren zu hören – höchstwahrscheinlich Pantoffeln auf gefliestem
Boden –, dann öffnete sich auch schon das Schloss.

“Heeeeeeeyyy!”, kreischte die eine.

“Haaaaaallllooooo. Wir sind daaaaaaaa”, kreischte die andere.

Ich überließ die beiden ihrer Begrüßungszeremonie (Umarmen, Knuddeln, Küssen, Kitzeln & Lachen) und beteiligte mich nur passiv (Grinsen und Nicken
– keine Ahnung, warum Nicken… war aber so).

Wie auf Kommando drehten auf einmal beide den Kopf zu mir.

“Und du bist dann wahrscheinlich René!”

“Genau der bin ich.” Sagte ich etwas unbeholfen. “Und du bist?”

“Ich bin Jana”, sagte sie. “Cocos Schwester. Aber du kannst mich Kleine nennen. Alle nennen mich so.”

“Ok, Kleine“, sagte ich augenzwinkernd.

Noch nie zuvor habe ich eine so seltsam eingerichtete Wohnung gesehen. Alle Möbel waren so exakt aufeinander abgestimmt, dass man das Gefühl hatte,
durch Ikea zu laufen. Selbst die Accessoires wie Zeitschriften, Stifte, Bücher, Gläser usw. standen an exakt den gleichen Positionen wie im
IKEA Katalog 2/12 auf Seite 243.

Wir nahmen auf dem Sofa FRIHETEN Platz, wo Mann BJOLE mit Strickpulli SVERGLEM schon auf uns wartete. Ich wollte mich gerade nach dem Bällebad im
Kinderzimmer erkundigen, als man mir eine dampfende Tasse schwarzen Kaffee vorsetzte.

“Mit Milch und Zucker?”, fragte man mich.

Kleine stellte Milchkännchen und Zuckerdose auf den Tisch und brachte uns aufgeregt ein Fotoalbum – Was eigentlich überflüssig war, denn der gesamte
Wohnraum war tapeziert mit Bildern von den beiden. Auf Postergröße schaute das Paar von den Wänden auf uns herab. Selbst auf der Toilette wachten
sie von einem an der Tür befestigten Bild aus über Zucht und Ordnung.

Ich war dementsprechend glücklich, dass Coco mir nicht zu viel versprochen hatte: Gerade war der Kaffee ausgetrunken, da sagte sie schon:

“Tut mir leid, Kleine. Wir müssen leider schon wieder los.”

“Kein Problem. Ihr habt ja noch einen weiten Weg, stimmt’s, René?”, entgegnete Jana schelmisch. “Er weiß ja noch gar nicht, wo es hingeht, oder?”

“Nein, noch nicht”, lachte Coco.

Als wir wieder im Auto saßen, fragte ich Coco, ob sie mir denn nun verraten mochte, wo unsere Reise hingehen würde. Doch sie antwortete nur: “Vielleicht.”

Es dauerte nicht lange, bis mich die ruhige Vibration des Fahrzeugs in einen sanften Schlaf wiegte. Als ich die Augen das nächste Mal öffnete, dämmerte es bereits.

“Hey, wieder da?”, fragte Coco.

“Wo sind wir?”, fragte ich schlaftrunken.

“Ungefähr 100 Kilometer vor Amsterdam – unserem Ziel!”

Beim Anblick meines fassungslosen Gesichtsausdrucks prustete Coco los und bekam einen kleinen Lachkrampf.

“AMSTERDAM? WIR FAHREN NACH AMSTERDAAAM?”, brüllte ich euphorisch.

“JAAAAAAAAA! Freust du dich?”

“Eyy, natürlich freu’ ich mich! Ich wollte schon immer mal nach Amsterdam!”

“Gut, aber wir haben nicht so viel Zeit für Scherze. Wir müssen langsam mal das Navi anwerfen. Kannst du das bitte übernehmen?”, fragte Coco.

Ich tat, wie mir geboten, und nicht mal eineinhalb Stunden später standen wir vor unserem kleinen schnuckeligen Hotel am Rande der Amsterdamer Innenstadt.

Statt der von Coco geplanten zwei Nächte blieben wir ganze vier Tage im wunderschönen Amsterdam. Mit allem, was dazugehört: Fahrrad fahren, Coffeeshop
& Sexmuseum. Den Rest der Zeit verbrachten wir damit, in der Stadt herumzuflanieren. Und natürlich nahmen wir uns auch viel Zeit für uns. Für uns zwei.

Als wir am letzten Tag die Sachen in den Kofferraum packten, schauten wir uns tief in die Augen. Wir lächelten uns fast eine Minute lang an. Ich glaube,
in diesem Moment realisierte ich, dass wir kurz vor dem Ende unserer Odyssee standen.

Dieses Mal übernahm ich den Job des Fahrers. Wir machten nur einen kurzen Stop bei Hannover und fuhren anschließend durch nach Berlin. Ich wünschte mir,
die Zeit in diesem Moment anhalten zu können, doch sie verging wie im Flug. Schneller, als ich es mir gewünscht hatte, standen wir wieder vor meiner Haustür.

Da Coco am nächsten Morgen bei ihrer Arbeit benötigt wurde, folgte eine unheimlich ausdauernde Verabschiedungszeremonie. Wir küssten uns sinnlich und
versprachen, nicht zu viel Zeit bis zu unserem Wiedersehen verstreichen zu lassen. Und dann war es wieder soweit: Ich war zurück in meinem alten Leben –
Im Alltag. Willkommen, Berlin Jungle!

Ich freute mich, Daniel nicht in der WG anzutreffen. Ich hatte das Gefühl, jetzt erst mal eine kleine Ruhephase für mich beanspruchen zu müssen. Ich schrieb
Coco noch eine SMS und bald darauf schlummerte ich bei irgendeiner Tierdoku ein.

Wieder einmal war es das Handy, das mich tags darauf aus dem Bett klingelte.

“H-hallo?”, stammelte ich verschlafen.

Am anderen Ende des Hörers holte mich ein wacher Daniel aus dem Schlaf.

“Na, mein Freund! Biste wieder in Boogiedown Berlin? Pass auf: Das kommt jetzt ein bisschen plötzlich, aber während du im Urlaub warst, haben wir spontan
einen Büroraum bezogen. Kannst du vorbeikommen? Ich wollte mit dir ein paar Sachen besprechen.”

Ich erschrak. Nicht mal zwei Wochen und Daniel bezieht ein Büro? Und ich weiß nichts davon?

“Jedenfalls wär’ es super, wenn du dich heute mal blicken lässt. Bia ist auch hier. Kannst du am Nachmittag rumkommen? So 16 Uhr?”

“Ehhm… ja, klar komm’ ich rum! Geile Sache! Soll ich meinen Laptop mitbringen?”

“Ja, wenn du magst. Adresse schick’ ich dir nachher über Facebook, ok? Ich muss jetzt auflegen, ist alles ein bisschen hektisch hier”, sagte Daniel ernst.

“Alles klar. Bis nachher!”

Das war ein Schock. Ohne Zeit zu verlieren, stieg ich aus dem Bett und ging hinüber in Daniels Raum. Tatsächlich: Schreibtisch, Drucker, Rechner, Boxen – alles weg!

“Was passiert hier nur?”, dachte ich. Und worüber wollte Daniel mit mir reden?

Am liebsten wäre ich gleich vorbeigekommen, um herauszufinden, was los war. Die Stunden der Ungewissheit, die bis dahin vergingen, waren die Hölle.
Gegen 15:00 Uhr machte ich mich angespannt auf den Weg in das neue Büro. Als ich klingelte, meldete sich Bia an der Telefonanlage.

“Hallo, René! Ich lass’ dich rein. Vierter Stock.”

Daniel und Bia erwarteten mich an der Tür. Wir begrüßten uns. Ich bekam einen Kaffee und fing an, von meinem verrückten Urlaub zu erzählen. Die beiden
hörten mir begeistert zu. So etwas passierte einem ja nicht jeden Tag. Das verheißungsvolle Gefühl aber wollte nicht abnehmen. Doch leider bin ich nicht
der Typ, der sich leicht damit tut, gewisse Dinge anzusprechen.

Als ich mit meinen Ausführungen am Ende war, folgte eine angespannte Ruhepause, die mich an eine Szene aus einem alten Italo-Western erinnerte.

“Kippchen?”, fragte ich in die Runde.

“Jo”, sagte Daniel.

Wir gingen auf den Balkon und drehten eine Zigarette.

“Hier hat sich einiges verändert, René”, begann Daniel.

“Ja, das seh ich. Wie läuft’s? Was passiert hier gerade?”

“Na, du weißt ja, dass Bia bei Ableton aufgehört hat und jetzt Vollzeit bei uns ist. Das heißt, jetzt müssen wir alles umbauen.”

“Ja, ich weiß. Und?”, fragte ich trocken.

Und… darüber wollte ich mit dir sprechen: Ich weiß, du hast gerade eine heftige Zeit hinter dir”, entgegnete Daniel.

“Ach, was… is’ alles wieder cool”, sagte ich.

“Das glaube ich dir nicht. Du brauchst nicht den coolen Typen zu spielen, René. Die letzten 6 Monate waren heftig für dich… die wären für jeden heftig gewesen.”

Entgeistert blickte ich Daniel an.

“Ich glaube, dass du verdammt unglücklich bist”, fuhr Daniel fort.

“Ich meine, in der letzten Zeit hast du weder den Kopf bei unserer Firma gehabt, noch hast du den Kopf bei deinem DJ-Zeug gehabt. Nikolaj Frost ist seit
eineinhalb Jahren quasi keinen Meter vorangekommen. Du spielst auf irgendeiner Party, schießt dich vielleicht noch ab und sitzt dann am nächsten Tag
ab 10 Uhr völlig fertig vor deinem Rechner und musst den Geschäftsmann spielen. Die Riesenfurunkel, die du bekommen hast und so…
So geht’s einfach nicht mehr weiter.”

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich wollte widersprechen, doch die Worte, die gefallen waren, hallten noch als waberndes Echo durch meinen Kopf.

“Weißt du, René, ich muss einfach wissen, woran ich bin. Unser Baby ist gerade dabei, größer zu werden, und wir brauchen dich hier. Aber wenn, dann
brauchen wir dich mit 120 Prozent, verstehst du?”

“Ja”, sagte ich kleinlaut und blickte beschämt gen Boden.

Die Worte waren zu entwaffnend, um etwas anderes sagen zu können. Das 3000°-Festival und die sonnige Zeit mit Coco hatten mich fast vergessen lassen, in
welch tiefer Krise ich noch vor meinem Urlaub steckte. Automatisch fasste ich mir an den Kopf, wo ich das Furunkel noch deutlich spürte.

“René, du hast viel Talent und ich glaube an dich. Du kannst es sowohl mit uns hier in der Firma als auch als DJ packen. Aber beides auf einmal – in dem
Ausmaß – kriegst du einfach nicht auf die Reihe. Ich brauche eine Entscheidung von dir. Du musst dich entscheiden ob unser Traum hier – von unserer
Firma – auch dein Traum ist, oder ob dein anderer Traum stärker ist. Das muss ich jetzt einfach wissen. Nimm dir Zeit, aber spätestens in zwei Wochen
möchte ich Klarheit haben. Entweder du kommst mit deinem Laptop vorbei und sagst ‘Business, here I am!’, oder du kommst vorbei und sagst ‘100%
Musik!’ Egal, wie du dich entscheidest, du hast meine hundertprozentige Unterstützung. Aber zieh’ es durch!”

Als ich den Weg nach Hause antrat, rauchte mein Kopf vor lauter anstrengenden Gedanken. Lange ist es her gewesen, dass mir jemand so eine Ansage
gemacht hatte. Zunächst war ich sauer auf Daniel, doch je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr konnte ich ihn verstehen.

Zuhause angekommen, setzte ich mich in mein Zimmer und hörte ein altes Set von mir. All die Ereignisse der letzten Jahre schossen mir in den Sinn…
meine erste Fusion – gleich am Tag danach bestellte ich meine ersten Turnies –… meine ersten Gigs in der Heimat… wie ich in meiner Zeit als Zivi
sogar in der Mittagspause heimkehrte, nur um eine Stunde auflegen zu können… wie mich mein Freund Melone für Berlin begeisterte, um an der
SAE etwas über Tontechnik zu lernen – um zu lernen, wie man eigene Songs produzierte!

Ich verbrachte den Abend damit, alle Sets und Songskizzen herauszukramen. Mit jeder Sekunde, die verging, wurde mir klarer, dass ich all das,
was ich bisher tat, nur aus einem Grund getan hatte: Weil ich lange Zeit einen Traum verfolgte, der mir nun abhanden gekommen war.
Wie konnte ich ihn nur aus den Augen verlieren?

Als der letzte Song lief, wusste ich, dass ich meine Entscheidung eigentlich schon vor Jahren getroffen hatte.

Glücklich fiel ich in mein Bett und schrieb eine wunderschön romantische – fast kitschige – SMS an Coco. Ich träumte einen tollen Traum, der mich in
verschiedene Länder dieser Welt führte, und wachte voller Energie am frühen Morgen auf.

Ich überlegte, ob ich Daniel anrufen sollte, entschied mich dann aber dagegen. Diese Nachricht wollte ich persönlich überbringen.

Gut gelaunt stand ich gegen 11 Uhr vor dem Büro am Bersarinplatz. Ich wusste nicht mit Gewissheit, ob er da sein würde, doch im Google-Kalender war kein
Termin eingetragen. Meine Chancen standen also gut.

Ich klingelte und einen kurzen Moment später tönte eine Stimme aus der Sprechanlage.

“Ja, hallo?”

Es war Daniel.

“Hi, mein Freund! Na, alles gut? Lässt du mich kurz rein?”, fragte ich.

“Renéééée – Das ist ja eine Überraschung! Na klar, komm rein. Wart–”

Die Tür klickte und schnellen Schrittes ging ich die Treppe hinauf. Als ich fast da war, verlangsamte ich meinen Schritt und bald darauf sah ich Daniel in
Hausschuhen im Türrahmen stehen. Etwas verwundert, aber entspannt, blickte er mich an.

Noch bevor er etwas sagen konnte, baute ich mich vor ihm auf und sagte so glücklich und so frei wie nie zuvor:

“Musik, Daniel… von ganzem Herzen Musik.”

TO BE CONTINUED…

Erkenntnis (Teil 1)

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An einem Freitagabend stieg ich mit gemischten Gefühlen am Bahnhof Gesundbrunnen in den RE 4364 Richtung Rostock. Aus Protest gegen die Gesamtsituation verzichtete ich darauf, mir einen Fahrschein zu kaufen. Der Zug war sowieso voll wie eine Kompanie Russen und die Fahrscheinkontrolleure erfahrungsgemäß zu übergewichtig, als dass sie sich freiwillig durch die Menge quetschen würden.

Außerdem…was hatte ich schon noch zu verlieren?

Als ich in Fürstenberg ankam, war Robert natürlich noch nicht da. Ich nahm es mit Fassung. Oftmals dachte ich zurück an die Zeit, in der ich meinen Freund Robert kennengelernt hatte. Kaum zu glauben, dass sich dieser cholerische und missmutige Zeitgenosse innerhalb weniger Jahren in Little Ghandi verwandelt hatte. Man stelle sich mal George W. Bush als jointrauchenden Hippiebruder vor. Ungefähr so war das.

Robert kam mit einem Affenzahn auf den Bahnhofsvorplatz gerast. Er hatte das Fenster seines Bullys heruntergekurbelt und wippte entspannt im Zwischenbeat eines Reggae-Sounds.

„Eyyy!“, rief er, als er neben mir zum Stehen kam.

„Hi, mein Freund! Alles gut?“, antwortete ich und stieg ein.

In diesem Moment packte mich Euphorie und eine riesige Vorfreude auf das Wochenende übermannte mich. In meinem Heimatort fand erstmalig das 3000°-Festival statt. Doch das Beste war: Robert besaß ein Tipi auf dem Festivalgelände und hatte es sogar geschafft, Majo und mich als Duo im Line-Up unterzubringen! Wie geil war das denn bitte?!

Das Kollektiv um 3000° genießt in meiner Heimat so etwas wie Legendenstatus. Es ist dort gar nicht mehr wegzudenken. Seit Anbeginn meiner DJ-Zeit sammelte ich die Platten von Acker Records, deren ominöse Namen sich immer auf Dörfer in der Nähe meines Heimatortes bezogen und mich davon träumen ließen, irgendwann einmal eine Feldberg EP herauszubringen. Jetzt also auf diesem Festival spielen zu dürfen, fühlte sich an, als hätte Jürgen Klopp mich persönlich zum gemeinsamen Kicken in das Westfalenstadion eingeladen!

Spätestens nach Passieren des Feldberger Ortseingangsschilds waren die ganzen schlechten Gedanken der letzten Monate wie weggeblasen und wurden durch die altbekannte positive Nervosität ersetzt, die alle meine Gedanken auf den bevorstehenden Gig fokussierten.

„The thrill is not gone“, dachte ich.

Ich erkannte mein Dorf nicht wieder: Bürgersteige bevölkert von einem bunten Menschentreiben, das Feldberg eine ungeahnte Unbeschwertheit bescherte. Offensichtlich hatte man hier die Gummibärenbande mit der Mission ausgesetzt, eine Riesenparty zu schmeißen!

Die Rahmenbedingungen waren super. Unsere Playtime war für die Nacht von Samstag auf Sonntag angesetzt. Und so hatten wir wir tatsächlich mehr als 24 Stunden, um eine gehörige Portion Festivalspirit zu atmen.

Ein Festival im Heimatort kann nur großartig sein. Das ganze Dorf kommt ja quasi vorbei. Es ist halt wie ein Dorfbums in cool! Alle waren da: Fachmann – oder, wie ich immer sage, Snoop Dogg in weiß –, Buko aka der Checker, meine Schwester, Roberts Schwester und sogar meine Mutti. Alle schauten vorbei, um sich das größte Spektakel Feldbergs seit der Wasserski-WM anzusehen. Es ist ein einzigartig schönes Gefühl, wenn man die Rentner aus dem Dörp händchenhaltend, augenfunkelnd, und Köpfe verrenkend über das Gelände spazieren sieht. Das hat eine ganz spezielle Romantik. Genau so möchte ich später auch mal sein!

Ich tanzte den gesamten Freitagabend – erst benebelt vom Glück, später auch vom Alkohol. Ich erinnere mich gar nicht mehr, was en détail passierte, doch an das gute Gefühl, daran schon! Es hätte ewig so weitergehen können.

Kennst du diese magische Trance, wenn Du zusammen mit 3000 anderen Leuten den beschissenen Alltag Alltag sein lässt und einfach feierst? Diesen Nervenkitzel, wenn die Party auf dem absoluten Höhepunkt ist? Wenn jeder um dich herum dein bester Freund sein könnte? Diesen Augenblick, in dem du dich zur Vollkommenheit fallenlässt und nicht an gestern, heute oder morgen denkst? Den Tanz auf Messers Schneide, kurz vor dem Kontrollverlust, exakt an der Grenze zwischen bewusst und unbewusst? Das ist für mich das Größte, was es gibt auf der Welt!

Allerdings…eine Sache vermochte es, das alles noch zu toppen: Wenn Coco nur dabei gewesen wäre!

Ich hatte Coco ein paar Wochen zuvor auf dem “Herrlich Tanzen”-Festival über Susi, Roberts kleine Schwester, kennengelernt. Von da an dachte ich ständig an sie. Sie ging mir einfach nicht mehr aus dem Kopf. – Was ich ihr natürlich nicht zu sagen über’s Herz brachte! Ich hatte zwar immer schon eine große Klappe… aber was Gefühle angeht… puh… da bin ich ein ganz schöner Amateur gewesen.

Umso mehr haut euch vom Sockel, was sich am Samstagmorgen ereignete.

Ich öffnete die Augen und glaubte, Bud Spencer hätte mir direkt in die Fresse gehauen. Meine Körperteile machten nicht den geringsten Eindruck, sich bewegen zu wollen. Im selben Augenblick wurde mir klar, dass ich nicht alleine zu sein schien! Zu meiner Rechten lugte ein Kopf unter der Decke hervor. Ich war nackt!

Verdammt! Was war passiert?

Ich entschloss mich, die Augen wieder zu schließen und mein Gehirn mit der Rekonstruktion des letzten Abends zu beauftragen.

Noch bevor meine Synapsen ein Ergebnis zu vermelden hatten, spürte ich, wie sich ein unbekanntes Etwas unter meiner Decke bewegte, dann ein fremdes Paar Lippen auf meinen, gefolgt von einem zärtlich geflüsterten „Guten Morgen“.

Wie Schuppen fiel es mir von den Augen.

„Coco“, flüsterte ich.

Was war ich nur für ein Glückspilz! Fast den restlichen Tag vergrub ich mich mit Coco im Zelt. Wir hatten uns viel zu sagen und sprachen wenig. Erst am Abend verließen wir eng umschlungen unsere Zuflucht und mischten uns unter das Volk. Bis zu meinem Gig sollte sie mir nicht mehr von der Seite weichen.

Unser “Kiebelka & Frost”-Auftritt setzte dem Ganzen dann die Krone auf. Beflügelt von den Ereignissen hatte ich beim Auflegen so viel Spaß wie nie zuvor. Als ich die Bühne verließ, versuchte ich Coco wiederzufinden, doch keine Spur von Ihr: niemand meiner Freunde hatte sie gesehen; niemand wusste, wo sie steckte.

Ich war irgendwie traurig. Naja, ich war auch gleichzeitig glücklich, aber ich hatte Angst davor, dass sich meine Zeit mit Coco wie ein süßer Sommernachtstraum verflüchtigen würde. Deshalb versprach ich mir selbst, sie sofort am Montag anzurufen. Vorsorglich besorgte ich mir sogleich ihre Nummer von Susi.

Nach dieser wilden Nacht half ich Robert am Sonntagnachmittag beim Tipi-Abbau. Und wir ließen ein paar letzte Stunden das 3000˚-Festival in meiner Heimat ausklingen, den Bär nochmal verückt steppen. Coco on my mind…

Am Montagmittag wachte ich in Roberts Ferienwohnung auf. Das Klingeln meines Handys holte mich aus dem Schlaf. „Coco“, informierte mich das Display. Ich atmete einmal kurz durch und ging ran.

„Heey! Ich wollte dich auch anrufen!“, sagte ich.

„Du hast doch noch die ganze Woche frei, oder? Hast du Lust auf ein Abenteuer?“, ertönte eine verführerische Stimme am anderen Ende der Leitung.

Was für eine Frage! Selbstverständlich hatte ich Lust auf ein Abenteuer!

„Logisch! Was hast du vor?“ fragte ich.

„Lass dich überraschen!“

Keine halbe Stunde später stand sie vor Roberts Tür.

„Hast du deine Sachen gepackt?“, wollte sie wissen.

„Nein, wieso?“

„Die wirst du brauchen“, entgegnete sie mir mit einem unwiderstehlichen Augenzwinkern.

15 Minuten später stiegen wir in das Auto und fuhren los. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wohin mich diese Reise führen würde.

TO BE CONTINUED…

Wie es weiterging? …Kannst Du hier nachlesen.

Die Krise

Zeitsprung! … was 10 Jahre früher geschah…kannst Du hier nachlesen.
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Als ich glaubte, es könnte gar nicht besser für mich laufen, ging alles ganz schnell.

Wir befanden uns gerade mit Robert in unserer WG in einem Meeting und brainstormten, wie sich das für Berliner Start-Ups gehörte, als mein Handy klingelte. Die unbekannte Nummer auf dem Display war mir schon lange nicht mehr unbekannt. Allerdings war ich mir nicht sicher, wer sich am anderen Ende der Leitung verbarg. Ich wollte es auch nicht herausfinden. Ich hasse unbekannte Nummern! Ich rufe doch auch keine wildfremden Leute an! Jedenfalls spürte ich, dass sich dunkle Wolken am Horizont zusammenbrauten. Es war ungefähr das Gefühl, das man hat, wenn man ohne Fahrschein in der Tram sitzt und die Kontrolleure zusteigen: Klar, ich weiß von Anfang an, dass ich keinen Fahrschein habe. Doch erst mal tue ich so, als würde ich nach meinem Fahrschein suchen, genauso wie die ganzen anderen Idioten ohne Fahrschein es tun, weil sie irgendwie darauf hoffen, es würde ein Wunder geschehen und die Aufmerksamkeit woanders hinlenken. So ähnlich verhielt es sich mit dieser unbekannten Nummer auch.

„Willst du nicht rangehen?“, fragte Daniel.

„Nee, ich ruf später zurück.“

„Geh doch ruhig ran, wir haben Zeit“, sagte Olli.

Vielleicht war das ein Omen. So etwas soll‘s ja geben. Ich verließ also leicht angesäuert den Raum und ging vorsichtig ran.

„Ja, hallooo?“ sagte ich in den Hörer.

„Guten Tag, Herr Frost. Hier ist Miriam Punz von der Firma Itelscore.“

Eine süße Stimme hatte Sie schon mal.

„Sie haben bisher auf keinen unserer Briefe reagiert. Ich rufe sie an, um Ihnen mitzuteilen dass sie noch zwei Wochen haben, um ihren Studienkredit zurückzuzahlen, bevor wir weitere rechtliche Schritte gegen sie einleiten.“

Wow. Das fühlte sich an, als hätte dich deine Traumfrau beim ersten Date über den monströsen Leberfleck auf deiner Backe aufgeklärt.

„Ähh, wie bitte? Auf einmal? Ich zahl’ doch in Raten. Wie viel ist das denn?“, stotterte ich.

„Im Moment sind wir bei einem ausstehenden Betrag von knapp 12.000 Euro.“ Ich schluckte. „Nach Ende Ihres Studiums wurde die Rate wie vereinbart erhöht, doch Sie sind Ihrer Zahlungsverpflichtung bisher nicht nachgekommen.“

Fuck.

„Heißt das, ich hab jetzt einen Schufa-Eintrag oder sowas?“, fragte ich zögerlich. „Ja, einen negativen.“

Plötzlich wurde mir klar, dass die zuckersüße Stimme am anderen Ende der Leitung nur als Tarnung für ein Monster fungierte, welches gekommen war, um mir mit voller Wucht einer Abrissbirne in die Eier zu treten. Als ich zurück in das Meeting kehrte, muss ich einen erbärmlichen Eindruck gemacht haben. Ich fühlte mich wie Falschgeld; wie ein Astronaut im Boot. Der Kummer schien mir in fett gedruckter Schrift vom untalentiertesten Knasttätowierer der Welt auf die Stirn tätowiert worden zu sein.

„Was ist denn los?“, fragte Robert.

Nachdem ich erzählt hatte, was passiert war, erfüllte uns eine kollektive Trauer. Keiner wusste so recht, was er sagen sollte. Deshalb war ich froh, als Robert sich verabschiedete, um zurück nach Feldberg zu fahren. Auch Olli machte sich kurze Zeit später auf den Weg zu seiner Freundin, seinem Schnuffel. Alleine war ich dennoch nicht. Den Abend verbrachten Daniel und ich damit, uns anzuschweigen und quasi wortlos zu betrinken.

„Den Kredit können wir jetzt vergessen, oder?“, fragte ich Daniel.

„Mhh. Die Finanzplanung ist für drei konzipiert. Wir müssen mit Herrn Wuali sprechen“, sagte er.

Lange Rede, kurzer Sinn – als wir am Tag darauf zu unserem Businesscoach Herrn Wuali gingen und ihm erzählten, was passiert war, schaute der uns an, als hätten wir Vertretern der Tea-Party-Bewegung intime Urlaubsfotos unserer iranischen Freunde präsentiert. Schließlich waren es nur noch zwei Wochen bis zur geplanten Kreditaufnahme! Es gab nun drei Möglichkeiten. Entweder sorgten wir für die Löschung des Schufa-Eintrages, wir schnitten den Finanzplan auf zwei Gesellschafter zu (was bedeutete, dass ich künftig auf Rechnung arbeiten müsste) oder wir verzichteten komplett auf den Kredit.

Beim darauffolgenden Gespräch mit Olli beschlossen wir, dass ich vor der Kreditaufnahme offiziell aus der Firma austrete. Als wären wir zu dritt mit einem riesigen Fallschirm aus dem Flugzeug gesprungen und hätten während des Fluges bemerkt, dass ich der Fettsack bin, der für das Übergewicht verantwortlich ist: Wir waren am Boden zerstört. Am nächsten Tag wachte ich mit Neurodermitis am ganzen Körper auf. Meine Haut brannte wie die Hölle und auch die nächsten Wochen brachten keine Besserung. Nicht nur, dass ich aussah wie ein schlecht gelaunter Streuselkuchen mit Juckreiz – die nächste Hiobsbotschaft ließ auch nicht lange auf sich warten.

Nach einem Streit mit Daniel stieg auch Olli aus der Firma aus. Bye bye, Kredit. Zwar trennten wir uns im gegenseitigen Einverständnis und waren auch gewillt, die Freundschaft zu erhalten, doch immerhin hieß das für Daniel und mich ein Drittel mehr Arbeit; mehr noch für mich. Denn neben der Firma kümmerte ich mich um mein DJ-Projekt und hatte ständig Gigs, die ich um jeden Preis absolvieren wollte. Die Firma verlangte von mir hundertprozentigen Einsatz, die Musik brauchte seine Zeit und die Schulden, die ich seit meiner Studienzeit angehäuft hatte, manifestierten sich in Form von dutzenden ungeöffneten Briefen auf meinem Schreibtisch. Ich wusste mir nicht mehr zu helfen. Einen solchen Druck habe ich in meinem bisherigen Leben noch nicht gekannt. Ich verfiel in eine Bewegungsstarre, wie paralysiert. Mein Körper ließ mich spüren, dass etwas mit mir nicht stimmte. Ich bekam bald golfballgroße, eitrige Auswüchse an Kopf und Bein und konnte kaum einen klaren Gedanken fassen.

Als ich mit meinen Beschwerden zum Arzt ging, stellte dieser fest, das ich seit meiner Studienzeit nicht mehr ordnungsgemäß versichert war und die Kosten für meine Behandlung selbst tragen müsste. Wenn selbst der Arzt dir in der Not den Mittelfinger zeigt… Ich kam mir vor wie das ärmste Würstchen der Welt, das einsam im kalten Wurstwasser herumbaumelte. Es schien ausweglos. Ich verbrachte die Abende damit, mich regelmäßig zuzudröhnen, um möglichst nicht über meine Situation nachdenken zu müssen.

Da wir in Arbeit erstickten, mühte sich Daniel, Abhilfe zu finden und bald darauf kam einmal in der Woche Bia zur Unterstützung. Sie arbeitete mittlerweile für Ableton und managete nebenher ein Center für Künstleraufbau in Kreuzberg. Nun war sie auf der Suche nach einem neuen Wirkungsbereich. Auch wenn sie uns Arbeit abnahm, erhöhte dies noch einmal den Druck auf mich, da nun ein „Fremder“ uns bei der Arbeit zusah. Da mochte man sich natürlich von der besten Seite zeigen – gar nicht so einfach mit einem riesigen Eiterpickel in der Fresse.

Eines Abends, es muss im Mai 2012 gewesen sein, heulte ich mich während eines Gesprächs mit Robert am Telefon aus. Die Krise verfolgte mich nun schon seit vier Monaten und war dabei, sich zur handfesten Persönlichkeitsstörung zu entwickeln.

„Alter, du musst einfach mal raus aus eurer Bude! Mach’ mal ein bisschen Urlaub. Komm’ zu mir. Kannst in der Ferienwohnung pennen“, sagte Robert.

Da mir ohnehin nichts besseres einfiel, klärte ich alles mit Daniel ab und fuhr eine Woche später in meine Heimat Feldberg zurück…

TO BE CONTINUED…

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Das Dorf

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Die Stille ist eine von wenigen Sachen, die mich wahnsinnig machen können. Als lütter Dorpjung hat man es da nicht einfach. Schon viel früher hätte ich also ahnen müssen, dass hier etwas nicht stimmte. Einen Scheiß ahnte ich. Erst als mir durch kompletten Zufall auffiel, dass kein Mensch in meiner Familie die gleiche Blutgruppe wie ich besaß, wurde ich ein bisschen stutzig.  Stutzig? Ja! Come on, ich war 14 und hatte keine Ahnung, was Phase war.

Da erschienen ganz andere Dinge wichtig. Ein cooles Mofa zum Beispiel. Noch besser ein Auto. Oder das nächste Spiel zu gewinnen und in der Kreisliga einen Platz in der Tabelle aufzusteigen, damit man eines Tages sein eigenes Bild in eines dieser Fussballstickersammelheftchen kleben konnte, die ich so fleißig anhäufte.

Ich wusste jedenfalls ziemlich genau, wie es für mich weitergehen sollte: Abi machen, nebenbei ein bisschen Geld für das Auto ansparen und ­– falls beim Fussball nicht der erhoffte Durchbruch kommt ­– vielleicht zur Bundeswehr. Denn die Jungs dort hatten meist Kohle, ein Auto mit Sportfahrwerk und eine Freundin auf dem Beifahrersitz – Alles Dinge, die ich nicht hatte: Grund genug, etwas daran zu ändern! Ein Nebenjob musste her. Das machte mir auch nicht viel aus, im Gegenteil. Ich war sogar froh darüber. Immerhin wäre ich damit einer der ersten Berufstätigen meiner Stufe!

Als ich mich bei der Dorfeisdiele um einen Ferienjob bewarb, sagte Mutti nur „wenn du das machen willst, dann mach’!“.  Wollte ich! Wer findet Eis nicht cool? Das Wort „Eiskoch“ klang interessant; ein bisschen, so wie „Doppelhaushälfte“ und „Wahlpflichtfach“ interessant klangen. Außerdem rückte der Traum vom eigenen Auto in greifbarere Nähe.

Vor unserer Eisdiele sieht man immer die gleichen Leute. Außer im Sommer, wenn die Touristen aus den Städten kriechen, um in unserem Dorf Urlaub zu machen. Ich konnte das nie verstehen. Bei uns war nie was los! Nur dunkle Wälder, Seen und Langeweile… da würde ich doch eher in der Stadt bleiben. Oder zum Meer fahren. Da gibt’s wenigstens richtige Wellen.

Naja, ich wusste jedenfalls, was auf mich zukommen würde. Am ersten Ferientag ging ich pünktlich um 13:00 Uhr zu meiner ersten Schicht. Mein zukünftiger Chef winkte mir schon von weitem. Er war wohl Mitte 40, saß bei einem Glas Wein zigarillorauchend in der Sonne vor seinem Café und mühte sich, italienisch anzumuten. Am deutlichsten ist mir sein schmales Oberlippenbärtchen in Erinnerung geblieben, das akkurat rasiert sein Gesicht umspielte und ihn aussehen ließ wie einen Handlanger aus einem billigen Mafiafilm.

Hinter ihm wand sich eine Schlange aus ungefähr 20 Personen, die mit hungrigen Augen die Eistheke beäugten. Dahinter standen zwei einheimische Mädchen, die versuchten, den Ansturm an Rollatorfahrern so gut es ging zu bewältigen. Mein Chef Frank führte mich voller Stolz durch seinen Laden, den ich seit meiner frühesten Kindheit gekannt hatte. Ich war ziemlich nervös und kommentierte jeden Satz mit einer lobenden Bemerkung, wobei mir meine Stimme auf einmal furchtbar hoch vorkam und ich zu stottern begann. Doch das war egal. „Francesco“ hörte mir sowieso nicht zu, sondern schnappte sich in gönnerhafter Manier eine Eiswanne aus der Theke.

„…und in die kommt unser Eis dann rein“, ergänzte er.

„Das ist ja toll! W…w…wow!“, sagte ich.

Er führte mich in die Küche, wo ein Typ mit Haarnetz und überdimensionalem Mundschutz Eimer durch die Gegend schleuderte und ein Gesicht zog, als hätte man Mark Zuckerberg eine Google+-Einladung geschickt.

„Robert!,“ rief Francesco.

„Das ist René. Er arbeitet jetzt für mich! Zeig ihm mal, wie das geht.“

Robert würdigte mich keines Blickes, drehte sich um und antwortete mit einem bestätigenden Grunzlaut. Kaum war der Chef wieder verschwunden, zog Robert den Mundschutz herunter und musterte mich gründlich. Überraschenderweise verbarg sich darunter ein langer Bart der mit einem gelben Gummiband fixiert war.

„Du bist also der nächste“, sagte er.

„Ja“, antwortete ich.

„Wasch’ die Eisbecher ab.“

„Ok.“

Robert schien nicht der netteste Mitarbeiter zu sein. Er war ein paar Jahre älter als ich und unterschied sich mit seinen Baggies, dem Bart und den langen Haaren auffällig vom durchschnittlichen Dorfbewohner.
Im Zweiminutentakt wurde Roberts Arbeit durch seine cholerischen Wutausbrüche unterbrochen, die er mit ausgewählten Worten aus seinem Schimpfwortfundus untermalte.
Ich entschied mich dazu, nichts zu sagen und still seine Anweisungen zu befolgen. Plötzlich war ich mir gar nicht mehr so sicher, was mit dem nächsten gemeint war. Ich wusste nicht mehr, ob ich das sein wollte.
In mir keimte langsam die Befürchtung auf, dass mir die schlimmsten sechs Wochen meines Lebens bevorstünden.

Ganz so schlimm kam es glücklicherweise nicht. Am nächsten Tag übernahm ich die Frühschicht und Robert war zu meiner Freude um ein Vielfaches besser gelaunt. Die cholerischen Anfälle wegen falsch aufgespießter Cocktailkirschen, daneben gekleckerter Flüssigkeiten und anderer schwerwiegenden Tragödien blieben zwar nicht aus, doch er schien mit meiner Arbeit zufrieden zu sein. Immerhin wurde der Befehlston vom Vortag nun durch ein angenehmes „Bitte“ ergänzt. Eine richtige Unterhaltung konnte man das noch nicht nennen, doch das sollte sich schlagartig ändern, als kurz vor 12 der Chef durch die Küchentür trat.
Er streichelte mit schelmischem Blick den Zeigefinger über sein Bärtchen und huschte in den hinteren Teil der Küche.

„Jungs! Kommt ma’ her!“, sagte er in verschwörerischem Flüsterton.

„Ich will euch was zeigen.“

Wir folgten ihm in die dunkle Küchenecke. Er wartete noch einen kurzen Moment, bis er sich unserer vollen Aufmerksamkeit sicher war. Dann baute er sich vor uns auf und öffnete, mit dem untersten Knopf beginnend, sein Hemd.
Wieder schossen mir Roberts Worte von dem nächsten durch den Kopf und ich nutzte, die Zeit, um im Kopf meine Handlungsoptionen durchzuspielen. Noch bevor ich mich zu etwas entscheiden konnte, füllte ein wohlgenährter, behaarter Bauch mein Blickfeld. Doch das war nicht alles.

„Hier, guckt mal!“

Seine rosaroten Brustwarzen waren mit einem Metallstäbchen durchlöchert und durch eine silberne Kette miteinander verbunden.

„Cocktailkirschen“, schoss es mir durch den Kopf.

Sichtlich unsere schockierte Reaktion genießend, knöpfte er das Hemd wieder zu und verließ lachend die Küche. Nachdem wir uns 20 Sekunden lang entsetzt angesehen hatten, prusteten wir los.

„Vielleicht werden die Ferien doch gar nicht so übel“, dachte ich, denn die restliche Stunde verbrachten wir damit, uns über das Nippelpiercing unseres Chefs zu lustig zu machen.

„Soll ich dich morgen zur Arbeit mitnehmen?“, fragte Robert.

„Klar“, sagte ich.

In den folgenden Tagen holte mich Robert so gut wie immer ab. Er führ einen heruntergekommenen roten Ford Caddy, in dessen Innenraum sich so viele Pfandflaschen befanden, dass man bei einem Unfall im See hundertpro nicht sinken würde. Wir verstanden uns super. Auch wenn er mich bei der Arbeit manchmal stundenlang mit „Thorsten“ ansprach und sich über meine Fußball-/Bundeswehr- und Autopläne kaputtlachte.

„Sportfahrwerk? Hier ist doch überall Kopfsteinpflaster!“

Er ahmte grinsend die holpernde Bewegung der Sportfahrwerkfahrer nach. Ich beschloss, über das Sportwagenfahrwerk noch einmal nachzudenken…

TO BE CONTINUED…

Zeitsprung! … was 10 Jahre später geschah…kannst Du hier nachlesen.